Estrel-Geschäftsführerin Ute Jacobs: „Der offene Ausgang macht mir Sorgen“

Härtefall-Fonds von Ekkehard Streletzki

Ute Jacobs und Thomas Brückner, Estrel-Geschäftsführung, Foto: Estrel Berlin

Ute Jacobs führt die Geschäfte im Estrel Berlin. Deutschlands größtes Hotel hat 1.125 Zimmer, sein Estrel Congress Center auf 25.000 qm 75 Räume. Der Bau des neuen Estrel Auditoriums hat bereits begonnen, im Herbst beginnt der Bau des Estrel Towers mit 175 Metern für 750 Zimmer. Im Interview zur Coronakrise spricht sie über verlorene Veranstaltungen, Kurzarbeit, den Härtefall-Fonds von Estrel-Eigentümer Ekkehard Streletzki und die Bewerbung als Corona-Behandlungszentrum.

Eventcrisis: #Coronavirus: Was war der Moment, als Sie merkten: Das wird richtig ernst?
Ute Jacobs: Ende Februar, Anfang März ging es los mit der Stornierung von mehreren Großevents mit den dazugehörigen Zimmerbuchungen. Der Verlust der Roomnights ging rasch in den vierstelligen Bereich. Da habe ich gemerkt, dass es ernst wird. Als dann Mitte März auch das Showtheater und kurz danach auch unsere Restaurants den Betrieb einstellen mussten, war klar: Jetzt sind wir mittendrin in der Krise.

Was macht Ihnen seither die größten Sorgen?
Der offene Ausgang macht mir Sorgen, da noch nicht absehbar ist, wann das Geschäft wirklich wieder aufgenommen werden kann, und wie das Buchungsverhalten der Tagungskunden sein wird.

Das Estrel Berlin ist mit 1.125 Zimmern und 25.000 qm Fläche für Kongresse Deutschlands größtes Convention Hotel. Wie viele Veranstaltungen sind wegen des Coronavirus bisher abgesagt, wie viele Tagungsräume und Zimmer storniert worden?
Wir haben bislang 83 Hauptveranstaltungen zuzüglich der entsprechenden Nebenveranstaltungen und Zimmerbuchungen verloren. Der finanzielle Verlust beläuft sich auf durchschnittlich 7 Millionen Euro Umsatz pro Monat.

Wie ist Ihre Belegung im März 2020 im Vergleich zum März 2019?
Im März 2019 lag unsere Belegung bei 60,7 %, im März 2020 waren es 42 % inklusive Stornos.

Bis zum 19. April 2020 gilt in Deutschland das Kontaktverbot. Wie ist die Lage in Ihrem Haus? Ist es für Gäste geschlossen?
Bis auf eine Handvoll Stammgäste und Mitarbeiter umliegender Firmen, die derzeit noch bei uns wohnen, sind unsere Hotelzimmer leer. Restaurants, Bars und der komplette Veranstaltungsbereich sind geschlossen. Unsere Shows sind bis auf weiteres eingestellt, da noch nicht feststeht, wann wir den Spielbetrieb mit unseren internationalen Künstlern wieder aufnehmen können.

Was ist mit Ihren 550 Mitarbeitern?
Um unsere Arbeitsplätze zu halten und keinen Mitarbeiter entlassen zu müssen, haben wir Kurzarbeit eingeführt – solidarisch für alle Mitarbeiter unabhängig von Arbeitsbereich und Position. Zudem hat Estrel-Eigentümer Ekkehard Streletzki für besondere Härtefälle unter den Estrel-Mitarbeitern eine finanzielle Soforthilfe von insgesamt 100.000 Euro aus seinem Privatvermögen zugesichert.

Welche Ideen gibt es im Estrel Berlin, um den wirtschaftlichen Schaden etwas zu mindern, z.B. die Nutzung von Gästezimmern als Homeoffices?
Der wirtschaftliche Schaden in einem so großen Haus wie dem Estrel, das in erster Linie von Großveranstaltungen lebt, kann nicht so einfach aufgefangen werden. Die Nutzung als temporäres Corona-Behandlungszentrum wäre eine sehr gute Alternative gewesen.

Sie meinen, das Estrel Berlin stand neben der Halle 26 der Messe Berlin als temporäres Corona-Behandlungszentrum zur Diskussion?
Ja. Das Estrel stand zur Diskussion, weil es optimale Voraussetzungen für ein temporäres Corona-Behandlungszentrum bietet. Die hervorragende Eignung haben auch Fachleute bei der Besichtigung bestätigt: Die Convention Halls 1 und 2 wären innerhalb kürzester Zeit einsatzfähig, und in dem direkt angrenzenden Hotel sind mehr als genügend Zimmer für Ärzte und Pflegekräfte. Trotz zahlreicher Vorgespräche hat es uns dann sehr verwundert, dass wir von der Absage lediglich aus der Presse erfahren haben.

Bekommen Sie erste Veranstaltungsanfragen für „nach der Coronakrise“? Wenn ja, für welchen Zeitraum?
Ja, wir bekommen für die Zeit ab Herbst wieder Veranstaltungsanfragen – zum Teil sind das Anfragen für Verschiebungen von Veranstaltungen, aber auch Neuanfragen.

Im Oktober wollen Sie mit dem Bau des „Estrel Towers“ beginnen und Ihr Haus um 750 Zimmer erweitern. Bleibt es dabei?
An unseren Bauplänen ändert sich nichts. Ganz im Gegenteil: Direkt angrenzend an das Estrel Congress Center (ECC) geht zum Beispiel der Bau unseres neuen Estrel Auditorium auf Hochtouren weiter. Mit dem Anbau, der den bestehenden Kongressbereich um weitere 3.500 qm vergrößert und im kommenden Jahr eröffnet wird, stellt sich das Estrel noch besser für Ihre zukünftigen Veranstaltungen auf.

https://www.estrel.com/de