„Hologramm wird unsere Branche revolutionieren“

Nachgefragt bei Siegfried Haider, experts4events

Siegfried Haider, Geschäftsführer experts4events, Foto: experts4events

Siegfried Haider, Geschäftsführer experts4events, über Storytelling, das Gehirn in 3D-Technologie und die audio-visuelle Inszenierung von Prozessen, Erwartungen an die Erlebniswirkung nach der Pandemie und Netflix-Bedürfnisse der Generationen X.

Timothy Aldrich, Trainee Communications, GCB: 3-D & Hologramm-Vorträge verändern nicht nur das Veranstaltungserlebnis der Teilnehmer*innen sondern auch das der Speaker*innen. Wie können und wie müssen sich Speaker*innen auf solch neue Formate vorbereiten? Wie hilft Ihr Unternehmen dabei?

Siegfried Haider: Wir bei experts4events produzieren, buchen und vermitteln Hologramm-Vorträge. Speaker*innen wurden schon immer über ihr Thema gesucht, aber über die Art ihrer Präsentation gebucht. Top Speaker*innen sind sehr gut, aber oft nicht die Besten ihres Fachs, können dazu aber in ganz eigener Weise begeisternd vortragen. Diese eigene Art bedeutet, dass nicht jeder Speaker*in für jede Teilnehmergruppe geeignet ist. Das ist genauso bei Hologramm-Vorträgen. Die Bandbreite, was Speaker*innen bei Vorträgen bisher nutzten, reicht von Nichts bis hin zu aufwändigen Powerpoint-Visualisierungen. Oder Requisiten, also reale 3D-Objekte auf der Bühne. Hologramm vereinfacht und vervielfacht diese Möglichkeiten. Speaker*innen können nun virtuell nicht nur die Bühnenfläche bespielen, sondern das Bühnenvolumen. Das, was dort projiziert und vom Speaker*in verwendet wird, bedarf allerdings einer viel intensiveren Vorbereitung, Dramaturgie und Inszenierung. Es kommen Konzepte aus Theater und Film zum Einsatz, die im Idealfall ein multimediales Gesamtkunstwerk ergeben, das mehr begeistert als 2D. Die Grundbedingungen aber bleiben: Die Hologramm-Visualisierung muss 1. zum Thema passen und wirklich relevant, also wesentlich besser als 2D sein. 2. Sie soll zum Speaker*in und seinen Fähigkeiten, mit Hologrammen zu agieren, passen. 3. Sie darf das Publikum weder in den Eindrücken noch in den Botschaften überfordern. Daher ist ein modulares, also austauschbares, anpassbares und flexibles Hologramm-Konzept wichtig – und das geht auch technisch jetzt immer einfacher.

Christian Funk, Redakteur, tw tagungswirtschaft: Wie sollte ein Hologramm in eine Veranstaltung eingebaut werden, damit die Technologie wirklich zur Geltung kommt und sich von der Zuschaltung einer Person auf einem Bildschirm unterscheidet?

Die Frage, welcher Vortrag am Bildschirm, also im digitalen Raum, wirklich funktioniert und den Namen sowie ein Speaker-Honorar verdient, stelle ich mir seit Beginn der Restriktionen. Meine Antwort: Idealerweise Hologramm! Keynote-Speaking ist viel Storytelling. Und dabei gibt es seit jeher das Konzept: Tell a relevant story AND make a point! Hologramm ist dabei das Storytelling-Hilfsmittel. Ich kann einen Dialog, der stattgefunden hat, als Speaker*in spielen. Oder ich kann ihn mit einem virtuellen Hologramm-Avatar live aufführen. Ggf. spricht der Speaker*in mit sich selbst oder mit jemand anderem, live oder aus der Konserve. Das wirkt vielfach mehr als die gespielte Variante. Wenn beispielsweise ein Gedächtnistrainer die Memo-Technik am Gehirn erklärt, kann er das 3D-Gehirn groß einblenden, in seine Bestandteile zerlegen und mit den Bedeutungen wieder zusammen bauen. Das ist gehirngerecht und erlebnisreich für die Teilnehmer. Und natürlich ermöglicht Hologramm die audio-visuelle Inszenierung ganzer Prozesse. Wenn beispielsweise aufgezeigt werden soll, wie James Watt die Dampfmaschine erfunden hat und was das zur Folge hatte, kann diese in seinen Teilen „einfliegen“, es kann auf der Bühne rauchen, dampfen und ein Getöse geben. Und ggf. (4D) sogar im Raum riechen. Hologramm wird sich nur durchsetzen, wenn es Erlebnisse liefert, die relevant sind und weit mehr emotionalisieren als das reine Reden mit Folien. Teilnehmer sollen das Dargestellte mit vielen Sinnen wahrnehmen, spüren, fühlen. Und zwischendrin ist auch eine Grafik oder ein Text in 3D schön – aber dafür allein wäre Hologramm zu aufwändig und teuer.

Martina Neunecker, Head of Communications, GCB: Welche Einsatzgebiete sehen Sie für die Hologramm-Technologie in der Veranstaltungswirtschaft? Gibt es Potenziale jenseits des reinen “Frontalvortrags”?

Jeder, der von der Bühne aus Teilnehmer durch Botschaften bewegen möchte, sollte das bestmöglichste Mittel dafür verwenden. Das ist jetzt mehr und mehr Hologramm. Weil es einfacher zu erstellen, günstiger zu produzieren und in der Wirkung unübertroffen ist. Das betrifft nicht nur die Profi-Speaker, sondern jeden Produkt-Manager, der sein Produkt vorstellt. Jeden Vorstand, der für seine Ziele begeistern möchte. Und jeden Professor, der hoch technisches visualisieren möchte. Die Wirkung von Hologrammen entfaltet sich am meisten live und in großen Räumen. Aber auch in digitalen Räumen ist es der „normalen“ Präsentation weit überlegen, bekommt länger Aufmerksamkeit am Bildschirm und erzeugt mehr Aktion durch mehr Wirkung. In kleinen Räumen und Gruppen wäre es auch anwendbar, aber noch sind die Produktionskosten dafür zu hoch. Denken wir aber kurz zurück an die Zeit, wo wir alle die Overhead-Folien auf Powerpoint oder Keynote übertragen haben. Das dauerte auch, kostet erst noch viel und wurde nach und nach immer einfacher und günstiger – auch in kleinen Räumen. Noch machen es unsere Techniker-Profis, aber in einigen Jahren werden wir selbst am eigenen Rechner mit entsprechender Software und Equipment Hologramm-Präsentationen anfertigen so wie jetzt Powerpoint-Slides. Hologramm-Visualisierungen werden ja auch jetzt üblicherweise über klickbare Powerpoint-Slides in den 3D-Raum durch die Hololeinwand ausgespielt.

Kerstin Wünsch, Chefredakteurin, tw tagungswirtschaft: Redner*innen als Hologramme auftreten zu lassen, ist nichts Neues, doch bisher – nicht zuletzt wegen der Kosten – eine Randerscheinung. Wird sich das durch die Digitalisierung von Business Events wegen Corona ändern?

Wenn wir mit unseren Veranstaltern sprechen, bekommen wir zwei Zukunftsbilder: 1. Es wird nach der Pandemie weniger Live-Events geben, aber deswegen größere mit mehr Budget. 2. Damit sich Teilnehmer aus ihren Home-Offices gerne auf die Reise begeben und begeistert wieder nach Hause fahren, erwarten Veranstalter von jedem Gewerk einer Veranstaltung mehr Erlebnis- und Begeisterungswirkung als vor der Pandemie. Aber wie erweitern gute Redner*innen spürbar ihr Erlebnis und adressieren dazu noch die Netflix-Bedürfnisse der Generationen X und folgende? Das wird selten über noch bessere 2D-Powerpoints oder mehr Schauspieltechniken & Co. funktionieren. Ja – Hologramme sind nicht neu. Aber die Erstellung wurde extrem einfach und günstig. Die Auslieferung auch und unkompliziert. Was jetzt von allen Akteuren durch Tun zu lernen ist, ist die unendlichen Gestaltungsmöglichkeiten so zu nutzen, dass es als wirkliche Erlebnis-Innovation vom Betrachter als genial empfunden wird. Das wird mit der ersten Hologramm-Version selten gelingen, aber mittelfristig werden wir neue Hologramm-Konzepte erleben, die Menschen für richtig gutes Geld in extreme Emotionen mitnehmen. Es erinnert mich sehr an Walt Disney und den Start der Bewegtfilme: Wie all das unterschätzt wurde bis hin zu Gerüchten, es würde blind machen. Hologramm wird unsere Branche revolutionieren, und wir brauchen jetzt MICE-Akteure, die die Zeichen der Zeit erkennen, mit aufspringen und maximale Kreativität walten lassen: Für Events, die wir so noch nie erlebt haben. Der Mensch lebt und denkt multi-dimensional – es ist jetzt die Zeit, das auch auf der Bühne immer öfter zu tun.