"Wir sehen den Herbst für uns alle als Chance"

„Give me five“ – Fünf Fragen an Nicole Stegmann

„Give me five“ – Fünf Fragen an Nicole Stegmann

Fünf Fragen an Nicole Stegmann, Inhaberin von Capricorn Events und Veranstalterin der Locations-Messen in Deutschland, die im Oktober mit einem hybriden Format einen Re-Start der Messe wagen.

Timothy Aldrich, Trainee Communications, GCB
Für die hybride Gestaltung der Locations Messen arbeiten Sie auch eng mit Ihren Partnern zusammen. Wie genau können wir uns die virtuelle Komponente der Veranstaltung vorstellen und welche Schnittstellen wird es zwischen den virtuellen und Präsenz-Teilnehmer*innen geben?
Meine bisherigen Erfahrungen als Teilnehmer an digitalen Messen waren eigentlich eher immer frustrierend. Denn im Grunde waren diese Online-Veranstaltungen nichts anderes als die mundgerechte Aufbereitung von Informationen, die ich auch auf der Unternehmensseite selbst finden konnte - Prospekte, Videos usw. Und es war für mich immer eine tote Kommunikation. Gerade Messen sind aber immer noch von Menschen für Menschen, zeichnen sich durch Kommunikation aus, durch Vernetzung und persönlichen Austausch mit Ausstellern und Besuchern, durch gute Gespräche. Während wir also nach Erweiterungspotenzial für unsere Locations-Messen gesucht haben, haben wir genau solch eine Möglichkeit in der digitalen Welt gefunden, ein authentisches, sensorisches Erlebnis, das eine echte Visualisierung in dreifacher Hinsicht ermöglicht: Raum, Information und Kommunikation. Dabei erhält jede unserer Veranstaltungslocations einen Digital Twin, also ein virtuelles Abbild. Das entsprechende Messe-Venue wird 1:1 mit Messeständen, Ausstellern, Bühne und Atmosphäre in 3D nachgebaut. So entsteht am Messetag eine einzigartige Verbindung zwischen Live-Event und virtueller Welt. Die Besucher gehen in einer Art Gaming-Oberfläche mit ihrem Avatar über die Messe, schauen sich Messestände und Rahmenprogramm an und können zu jeder Zeit über eine Videokonferenzlösung mit den Ausstellern aber auch mit anderen Besuchern auf dem Gang ins Gespräch kommen. Ergänzend wird ein Online-Streaming angeboten. So können virtuelle Gäste auch an den Forum-Sessions teilnehmen und sich mit Referenten und Präsenzteilnehmern austauschen. Beide Teilnehmerkreise können also gleichermaßen vom Messeprogramm partizipieren, und in Workshops und Diskussionsräumen können sie miteinander interagieren. Das wird für alle Teilnehmer ein Erlebnis.

Christian Funk, Redakteur, tw tagungswirtschaft
Sie wagen im Oktober den Re-Start Ihres Messe-Formates in Ludwigsburg. Was war die größere Herausforderung: Ausstellende Unternehmen für das Konzept zu finden oder ein durchführbares Hygienekonzept auf die Beine zu stellen?
Neben dem Wunsch nach persönlicher Begegnung möchten wir als Branchenveranstalter auch ein positives Signal in den Markt geben, dass es gemeinsam weiter gehen muss. Wir sehen den Herbst für uns alle als Chance. Deshalb auch die adäquate Plattform mit virtueller Erweiterung des Locations-Marktplatzes. Auf Seiten der Aussteller haben wir durchweg positive Rückmeldungen für das hybride Konzept und einen guten Buchungszuspruch zur Messe. Die Herausforderung liegt hier an der wirtschaftlichen Situation unserer Branche insgesamt. Aber viele haben verstanden, dass es gerade jetzt so wichtig ist, sich zu positionieren und die neuen Stärken zu zeigen, beispielsweise neue, Corona-konforme Umsetzungsmöglichkeiten und Angebote vor Ort. Wir alle sind froh, das sich wieder etwas bewegt. Was unser Hygiene- und Sicherheitskonzept angeht, haben wir uns schon früh mit den Veranstaltungslocations abgestimmt und ein wirklich detailliertes Konzept erarbeitet, für das wir beispielsweise von den Verantwortlichen auf Seiten der Stadt Ludwigsburg auch schnell grünes Licht bekommen haben. Die größte Herausforderung bei der Erstellung der Hygienekonzepte für uns als Veranstalter ist tatsächlich die bundesweit uneinheitlichen Regelungen.

Sina Goy, Online-Redaktion, tw tagungswirtschaft
Was sollte man bei der Planung eines hybriden Events besonders beachten? Anders gesagt, was sind bisher eure wichtigsten Learnings?
Um persönliche Gespräche und den direkten Kontakt einer analogen Messe auch digital umzusetzen, bedarf es weit mehr als nur eines Digital Twins der Location oder des Messestandes. Das ganze Programm und die Abläufe müssen hybrid erdacht und geplant werden. Und es bedarf jeder Menge Technologie, die begreifbar sein muss. Bei der Planung ist dabei auf jeden Fall die Kommunikation elementar! Auch wenn wir die letzten Jahre in der Branche viel über Digitalisierung gesprochen haben, ist das jetzt für viele schon ein großer Schritt, der für den ein oder anderen doch auch sehr schnell geht. Am Anfang unserer Planung haben wir schnell gemerkt, dass unser Konzept für viele noch nicht ganz greifbar ist. So haben wir in gemeinsamen Meetings alle mit ins Boot genommen und mit Allseated und Neumann & Müller Veranstaltungstechnik den Ausstellern gezeigt, was wir planen und dabei viele Fragen beantwortet. Deshalb gehen wir alle den Weg jetzt auch gemeinsam und partnerschaftlich und starten das erste interaktive hybride Event der deutschen Veranstaltungsbranche.

Martina Neunecker, Head of Communications, GCB
Das Motto der Locations lautet “Die Messe für außergewöhnliche Veranstaltungsräume und Eventservices”. Womit können Anbieter*innen Ihrer Ansicht nach bei den Kund*innen derzeit besonders punkten?
Definitiv indem Aussteller und Anbieter zeigen, was heute alles schon wieder möglich ist und wie sie ihre Angebote der neuen Situation angepasst haben! Im Moment ist die Verunsicherung auch bei den Veranstaltungsplanern groß. Da ist es wichtig zu zeigen, wie Veranstaltungen Corona-konform nach den aktuellen Regelungen umgesetzt werden können. Wie Veranstaltungen vor Ort sicher möglich sind, aber auch durch welche technischen Möglichkeiten diese nun ergänzt werden können. Gemeinsam mit den Dienstleistern werden neue Wege für zukünftige Veranstaltungen aufgezeigt.

Kerstin Wünsch, Chefredakteurin, tw tagungswirtschaft
Die Locations-Messe in Stuttgart am 8. Oktober 2020 ist als hybrides Format angelegt. Wie ist die Resonanz bisher? Oder in Zahlen ausgedrückt: Wie viele Aussteller*innen und wie viele Fachbesucher*innen erwarten Sie vor Ort und wie viele online?
Aktuell sind knapp 100 Aussteller allein bei der hybriden Messepremiere in Ludwigsburg mit dabei. Hier rechnen wir in den nächsten Wochen aber auch noch mit vielen kurzfristigen Buchungen. Viele Aussteller haben ihre Entscheidung tatsächlich erst für den September angekündigt. Was die Besucherzahlen anbelangt, so rechnen wir vor Ort zwischen 50 und 80 Prozent einer bisherigen LOCATIONS Region Stuttgart und mindestens das Dreifache an virtuellen Besuchern. Das hybride Event vergrößert nicht nur Kommunikationsmöglichkeiten und Interaktivität unserer Veranstaltung, sondern auch die Reichweite. Denn hier können wir nicht nur diejenigen abholen, die Corona bedingt nicht an einer Messe teilnehmen dürfen oder wollen, sondern auch diejenigen, die sich für das Angebot der Region interessieren, denen aber die Anfahrt für einen Tag zu aufwändig gewesen wäre. Virtuell sind wir nicht limitiert und werten damit unsere regionalen Messen noch einmal auf.