"'Messe' geht auch unter erschwerten Rahmenbedingungen"

“Give me 5” - Fünf Fragen der eventcrisis.org-Redaktion an Jörn Holtmeier

Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des AUMA, Foto: AUMA

Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des AUMA – Verband der deutschen Messewirtschaft, über Messeformate in der neuen Normalität, Gesundheit als höchste Priorität und Messen als Plattformen für Innovation und Kommunikation.

Timothy Aldrich, Trainee Communications, GCB: Die Messe-Branche wird, nach heutigem Stand, in den kommenden Monaten schrittweise wieder hochgefahren. Dafür werden besondere Sicherheits- und Hygienekonzepte vorausgesetzt. Wie kann die deutsche Messewirtschaft in diesem Zusammenhang von anderen Branchen lernen?
Jörn Holtmeier: Wir haben mit Messeveranstaltern unterschiedlicher Größen ein Sicherheits- und Hygienekonzept für die Durchführung von Messen entwickelt, dass den einzelnen Veranstaltern hilft, aber auch unsere Kommunikation Richtung Politik sehr gut unterstützt hat. Aber in der Tat lohnt sich immer ein Blick über den Zaun. Manche Regelungen im Hinblick auf Hygiene und Abstand, die aktuell etwa im Handel üblich sind, werden im Messegeschäft ähnlich sein. Das gilt auch für Gastronomie und Hotellerie, die jetzt wieder anlaufen. Insofern haben die Messen in den nächsten Wochen die Chance zu sehen, was dort gut oder weniger gut funktioniert.

Christian Funk, Redakteur, tw tagungswirtschaft: Langsam häufen sich Meldungen, wonach Messen - unter strengen Auflagen - wieder stattfinden dürfen. Sehen Sie erfolgversprechende Messeformate trotz Abstandsregel, Mundschutz und Desinfektionsmittel?
Grundsätzlich kann man alle Messeformate auch im Rahmen der sogenannten neuen Normalität durchführen. Die meisten deutschen Messegelände sind groß genug, um für eine Übergangszeit etwa Gänge verbreitern und Stände vergrößern zu können und eine komfortabel wirkende Situation zu schaffen. Und an Mundschutz gewöhnen wir uns auch bei anderen Gelegenheiten. Sicher werden diese ersten Messen auch aufgrund der äußeren Umstände noch nicht den gewohnten wirtschaftlichen Erfolg haben, aber das geht anderen Branchen auch so. Es gilt zu zeigen, dass "Messe" auch unter erschwerten Rahmenbedingungen geht. Vor allem aber wird der Erfolg künftiger Messen davon abhängen, wann sich der Konjunktureinbruch in vielen Branchen wenigstens stabilisiert.

Ronja Heise, Online-Redaktion, tw tagungswirtschaft: Selbst wenn auf Messen nach dem Restart hohe Sicherheits- und Hygieneauflagen gelten, wie sagen Sie Fachbesucher*innen und Aussteller*innen, die sich trotzdem um ihre Gesundheit sorgen?
Für die deutschen Messeveranstalter hat die Gesundheit aller Beteiligten höchste Priorität. Dafür entwickeln sie Konzepte auf der Basis der Bundesländer-Standards für die Durchführung von Messen. Die Veranstalter werden etwa durch Steuerungsmaßnahmen dafür sorgen, dass es auf dem Gelände nicht zu unzulässiger Personendichte kommt. Die Situation wird sich nicht wesentlich von der in Kaufhäusern unterschieden, die ja nach einer Anlaufphase zunehmend frequentiert werden. Auch öffentliche Verkehrsmittel werden verstärkt genutzt. Daher werden die Messeteilnehmer Bedingungen vorfinden, die sie aus dem Alltag kennen.

Martina Neunecker, Head of Communications, GCB: Der Markt beruflich motivierter Veranstaltungen wandelt sich derzeit massiv, nicht zuletzt durch neue digitale und hybride Formate. Wo sehen Sie die Veranstaltungsform "Messe" in fünf Jahren?
Fünf Jahre sind angesichts der aktuellen Dynamik eine lange Zeit. Ich bin aber sicher, dass der persönliche Kontakt – ein zutiefst menschliches Verhalten – auch im Geschäftsleben eine hohe Relevanz behalten wird. Dazu kommt, dass viele Messefunktionen, wie das Erleben und Testen von Produkten mit allen Sinnen digital nicht ersetzbar ist. Die reale Messe wird aber schneller als bisher vermutet durch digitale Elemente ergänzt werden. Das kann die Nutzung des Gesamtevents Messe sogar erhöhen.

Kerstin Wünsch, Chefredakteurin, tw tagungswirtschaft: Zum Global Exhibitions Day 2020 letzte Woche sagten Sie: Messen sind für den Neuanfang der gesamten Wirtschaft dringend erforderlich. Warum ist das so?
Der Konjunktureinbruch ist auch ein Zeichen von Unsicherheit bei Unternehmen und Konkurrenten, die mit Beschaffungen und Einkäufen zögern. Messen können als Innovations- und Kommunikationsplattform zeigen, in welche Richtung sich die Branchen weiterentwickeln. Und die Überzeugungskraft realer Präsentationen auf Messen beschleunigt Entscheidungsprozesse der Einkäufer ganz erheblich.

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