"Die Sehnsucht nach 'echten' Zusammenkünften wächst"

“Give me 5”: Fünf Fragen der eventcrisis.org-Redaktion an Ilona Jarabek

Ilona Jarabek, Präsidentin Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC), Foto: EVVC

Ilona Jarabek, Präsidentin Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC) und Geschäftsführerin der Musik- und Kongresshalle Lübeck, über Chancen in der Coronakrise, hybride Formate, finanzielle Mehrbelastungen für Kommunen und die schrittweise Aufnahme des Veranstaltungsgeschäfts.

Timothy Aldrich, Trainee Communications, GCB: In einem Interview vor zwei Jahren nannten Sie als Ihr Lebensmotto/ Ihren Wahlspruch das “Rheinische Grundgesetz”: “Et is wie et is, et kütt wie et kütt und et hätt noch emmer joot jejange.” In Ihrer Antwort sagten Sie auch, dass dieser Leitsatz Sie auch in Krisen stets gut begleitet hätte und sich mit jeder Krise auch Chancen eröffneten. Wie sieht es mit der aktuellen Krise aus und welche Chancen sehen Sie für die Zukunft?
Auch diese besondere Zeit sollten wir mit all ihren Facetten annehmen und mit der Unsicherheit, dem Zweifel und den Sorgen umgehen lernen ohne Zuversicht und Mut zu verlieren. In der derzeitigen Krise sehe ich drei Chancen: Zum einen treibt die derzeitige Situation die Digitalisierung der Veranstaltungsbranche positiv voran. Virtuelle und hybride Elemente werden künftig wichtige und unerlässliche Ergänzungen sein, doch bin ich auch überzeugt, dass diese die persönliche Begegnung nicht werden ersetzen können. Diese brauchen wir als menschliche Wesen sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Umfeld. Die derzeitige Situation macht dies besonders deutlich – denn die Sehnsucht nach „echten“ Zusammenkünften wächst von Tag zu Tag. Die Situation des derzeitigen Stillstandes ist auch eine Chance für das Engagement für Nachhaltigkeit in der Branche. Innehalten und neue Ideen entwickeln, wie wir zukünftig leben und veranstalten wollen, ist zukunftsweisend. Anstatt immer mehr und immer schneller, rückt das bewusste und überlegte Handeln mehr und mehr in den Fokus. Und schließlich bergen Krisen auch immer die Chance des persönlichen Zusammenwachsens. Gemeinsam im Team aber auch in der Beziehung mit Kunden und Partnern werden Lösungen für den Weg aus dieser Zeit entwickelt. Dies macht uns gemeinsam stark und die künftige Arbeit motivierter und vertrauensvoller.


Christian Funk, Redakteur, tw tagungswirtschaft: Bei über 300 Mitgliedsunternehmen innerhalb des EVVC sind die Auswirkungen der Coronakrise sicher unterschiedlich stark ausgeprägt. Gibt es bereits Unternehmen im Verband, bei denen ohne finanzielle Unterstützung eine Insolvenz droht?
Solche Fälle sind uns derzeit nicht bekannt. Viele Häuser nutzen indes die Möglichkeit zur Kurzarbeit, umso mehr, dass dies durch die neue Ergänzung des Tarifvertrages für den öffentlichen Dienst nun auch für kommunale Unternehmen möglich ist. Sicher ist, dass die finanzielle Belastung der Kommunen durch die Krise in der Veranstaltungsbranche erheblich zunehmen wird. Inwiefern es überall möglich sein wird, diesen Mehraufwand zu stemmen, bleibt abzuwarten. Konjunkturprogramme, die kommunale Investitionen möglich machen, sind sicher ein Weg der Unterstützung.


Ronja Heise, Online-Redaktion, tw tagungswirtschaft: Großveranstaltungen bleiben für aktuell unbekannte Zeit verboten, die Digitalisierung der Branche schreitet rasend schnell voran. Es wird vielfach davon ausgegangen, dass die Veranstaltungsbranche nach der aktuellen Corona-Krise völlig anders aussehen wird. Was sind Ihre Zukunftsprognosen?
Die Geschwindigkeit, mit der die digitale Entwicklung nun Fahrt aufgenommen hat, hätte vor einem halben Jahr niemand vorhersagen können - durch den akuten Bedarf werden Konzepte nun viel schneller umgesetzt und auch angewendet. Auf die Bedeutung von virtuellen und hybriden Veranstaltungen haben EVVC und GCB bereits vor Jahren im Forschungsprojekt Future Meeting Space hingewiesen und auch für die Branche den Weg bereitet. Ich bin mir jedoch sicher, dass die digitalen Formate auch in Zukunft immer nur eine Ergänzung für die persönliche Begegnung im Rahmen von „Live-Veranstaltungen“ sein werden. Für unsere menschliche Natur ist das direkte und unmittelbare Zusammentreffen mit Gleichgesinnten unerlässlich – die Sehnsucht danach ist in diesen Tagen besonders deutlich spürbar. Sicherlich lassen sich bestimmte Tagungs-Inhalte gut digital transportieren, doch der persönliche Austausch, das Netzwerken in der Kaffeepause und das Kennenlernen von Gleichgesinnten bleiben aus. Ich bin mir sicher: Nach der Krise wird unsere Branche eine neue Wertschätzung erleben. Wir spüren jetzt, dass das gemeinsame Erleben auf Tagungen, Konzerten, Events und Sportveranstaltungen wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind.


Martina Neunecker, Head of Communications, GCB: Über 80 Prozent der EVVC-Häuser befinden sich in kommunaler Trägerschaft. Wie sieht aktuell der Dialog des EVVC mit dem Deutschen Städtetag - oder weiteren kommunalen Spitzenverbänden - aus, um Perspektiven für die Überwindung der Krise bzw. die Zeit “danach” zu entwickeln?
Der EVVC hat sich direkt mit dem Deutschen Städtetag auf Bundes- und teilweise auch auf Landesebene in Verbindung gesetzt. Unsere Situation ist dort nicht nur bekannt, sondern auch entsprechend aufgenommen. Aktuelle Daten, die gerade im Zusammenhang mit dem Meeting und Eventbarometer erhoben worden sind, geben hier weitere Anhaltspunkte über die Auswirkungen der Veranstaltungsausfälle. Der bisherige Umsatzverlust durch ausgefallene Veranstaltungen bzw. nicht angereiste Teilnehmende schlägt sich in den Veranstaltungscentren am stärksten nieder. Der durchschnittliche Umsatzverlust für 2020 liegt laut Studie im sechsstelligen Bereich pro Betrieb für das erste Quartal. Das bedeutet, auf die Kommunen wird mittelfristig ein erheblicher finanzieller Mehraufwand zukommen. Neben unseren Häusern sind auch alle Dienstleister (z.B. Veranstaltungs- und Künstleragenturen, Technik- und Personaldienstleister), d.h. unsere Partnerunternehmen im Verband unmittelbar hart getroffen und benötigen direkte finanzielle Hilfe.


Kerstin Wünsch, Chefredakteurin, tw tagungswirtschaft: Da die Pandemie in Deutschland vermutlich unterschiedlich und dynamisch verlaufen wird, plädieren Sie in Ihrem Positionspapier zur schrittweisen Aufnahme des Veranstaltungsgeschäfts für differenzierte Bewertungen und Anpassungen in den Bundesländern. Veranstaltungshäuser wie Veranstalter müssten selbst die Maßnahmen in ihrem Sicherheitskonzept verankern. Sorgt das nicht - ähnlich wie bei der Auslegung des Begriffs “Großveranstaltung” - für ein weiteres “Durcheinander” und damit zur Verunsicherung?
Im Laufe der Pandemie hat sich gezeigt, dass die Regionen in Deutschland sehr unterschiedlich betroffen sind. Da auch die Versammlungsstättenverordnung, auf der unser Positionspapier aufgebaut ist, Ländersache ist, halte ich hier den föderalen Ansatz für zielführend. Am Ende erwarte ich, dass das Positionspapier vor Ort individuell auf das jeweilige Veranstaltungsformat umgesetzt wird. Diese Hausaufgabe muss jedes Haus für sich erledigen. Ein erfolgreich umgesetztes Format kann hier eine Vorbildfunktion für andere Häuser und Regionen sein, wobei wir als Vertreter der Locations hier aktiv mitgestalten müssen.

https://eventcrisis.org/de/articles/128-wege-aus-dem-lockdown-umgang-mit-corona-auf-veranstaltungen
https://www.evvc.org