Mehr Menschlichkeit mit Meetings

Gastbeitrag von Prof. Dr. Michael-Thaddäus Schreiber

Gastbeitrag zur Zukunft der Tagungsdestination Deutschland

Michael-Thaddäus Schreiber ist Professor für Destinations- und Kongressmanagement und Leiter des Europäischen Instituts für TagungsWirtschaft (EITW) an der Hochschule Harz. In seinem Gastbeitrag für eventcrisis.org erläutert er, wie das Tagungsland Deutschland gestärkt aus der aktuellen Krise hervorgehen kann.

Ja, wir leben derzeit in einer surrealen Welt. Medienberichte aus der ganzen Welt zeigen Bilder von leeren Städten und Stränden, Plätzen und Räumen: die Corona-Pandemie prägt unser Leben. Eine Vielzahl von Autoren, Forschern und Instituten versuchen mit ihren Barometern, Tickern und Trendprognosen das Phänomen „Corona“ zu erklären, manche schüren Ängste, andere vermitteln Hoffnung.

Wie sieht es in unserer Branche aus? Die Untersuchungen des Meeting- & EventBarometers der letzten Jahre zeigen eine kontinuierliche Erfolgsstory mit – das Rezessionsjahr 2009 ausgenommen – stetig steigenden Teilnehmerzahlen. Sorry, wen interessiert das in der momentanen Situation, wo Kurzarbeit, Entlassungen und Schließungen uns deutlich näher stehen. So ist es auch legitim, dass bei einer Vielzahl von Kommentaren und Studien die personellen und monetären Verluste im Mittelpunkt stehen, um den Grad der „System-Relevanz“ unserer Branche zu dokumentieren. Nichtsdestotrotz sollten wir bei unseren Überlegungen nicht das „Sterben“, sondern die Zukunft der Meeting- & Eventbranche in den Fokus rücken: „Corona als Chance, als Katalysator für Innovationen“.

Die Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung nehmen - zwangsläufig - an Fahrt auf; dort wo wir noch vor einigen Wochen von einem perspektivischen Zeithorizont ausgegangen sind, starten wir jetzt durch. Der Einsatz von Online-Tools prägt die Geschäftswelt und unser Privatleben. Wir sitzen im Home-Office und nehmen an Video-Konferenzen teil, kommunizieren mit unseren Kollegen und Kunden, führen Consulting-Gespräche durch, unterrichten mit E-Learning-Programmen unsere Studierenden im In- und Ausland oder bestellen bei unserem Lieblings-Italiener via Internet. Schön, dass uns diese technischen Möglichkeiten in dieser Krisenzeit als primäres Kommunikationsmittel zur Verfügung stehen.

Bei allem „Digi-Hype“ zeigt uns die Krise auch sehr deutlich, wo die Grenzen der digitalen Belastbarkeit liegen; die Aufmerksamkeits-Qualität in unseren Sessions nimmt bereits nach kurzer Zeit deutlich ab, spätestens nach der dritten Video-Konferenz an einem Tag wächst der Wunsch nach „Social Program“ – im virtuellen Raum wartet aber kein Mensch auf uns, den wir mit allen unseren Sinnen wahrnehmen und mit unseren Emotionen erleben können. Zum Business-Erfolg und zur privaten Zufriedenheit brauchen wir die Live-Kommunikation; die Veranstaltungsbranche ist mehr als nur „system-relevant“, wir sind „mensch-relevant“: Mehr Menschlichkeit mit Meetings.

Perspektivenwechsel. Wie wird die Zukunft unserer Branche aussehen? Nach dem heutigen Wissensstand über das Coronavirus können wir davon ausgehen, dass bevorstehende Exit- Strategien den langsamen Einstieg zur Normalität verfolgen werden; d.h. wir werden in unseren Veranstaltungs-Centren, Tagungs-Hotels und Event-Locations mit kleinen und mittelgroßen Meetings starten - Veranstaltungen mit 20 bis 100 Teilnehmern die rd. 2/3 unseres Gesamtmarktes ausmachen. Auf größere Live-Events (Kultur-, Musik-, Sport-Events) und internationale Groß-Kongresse (mit über 1.000 Teilnehmern) werden wir wohl dieses Jahr vergeblich warten. Es werden vor allem nationale Tagungen sein, die sich an den regionalen Wirtschafts-Clustern der Metropol-Regionen orientieren. Aber auch die „GreenMeetings“ in den ländlicheren Regionen werden zu den Profiteuren gehören.

Gleichzeitig werden im härter werdenden Wettbewerb die „Convention Bureaus“ auf allen Destinationsebenen eine noch wichtigere Rolle einnehmen; das German Convention Bureau (GCB) wird dafür sorgen, dass unsere attraktiven Tagungs- und Kongressstandorte im internationalen Wettbewerb bestehen, externe Veranstalter die gewünschte Location oder die passende Eventagentur finden und unsere interne Leistungspartner sich über Fortbildungsseminare und Markttrends informieren können. In den Städten und Regionen kommt es vor allem darauf an, dass neben der obligatorischen Netzwerkbildung die Convention Offices auf der Basis einer fundierten MICE-Marktforschung eine cluster- und quellmarktorientierte Zielgruppenansprache verfolgen; hier sind neue Veranstaltungsformate und moderne Kommunikationswege ebenfalls gefragt.

Für die Convention Bureaus der Zukunft wird es immer wichtiger sein, die Funktion eines Innovations- und Motivationsgebers zu übernehmen. Das professionelle Dienstleistungs-Management setzt eine entsprechende Finanz- und Personalausstattung voraus; hier dürfen die Länder und Kommunen nicht an den sogenannten „freiwilligen Leistungen“ sparen, sondern müssen gerade in der Krisen-Zeit die für die Gesamtkoordination verantwortlichen Kongressbüros fördern („Desti First“): Convention Bureaus als Erfolgsfaktor.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kongress- und Veranstaltungs-Destination Deutschland aufgrund ihrer hervorragenden Standortfaktoren und der Innovationskraft ihrer Leistungspartner die Corona-Krise nicht nur „überleben“, sondern fokussiert und optimiert aus ihr herausgehen wird.

www.eitw.de